ONE WEEK – Challenge | FOODSHARING | Erlebnisbericht
Die Hamburger Tafel, ein Verein mit Herz und Tatendrang
Eine Woche ausschließlich von Foodsharing leben, keine Supermarktbesuche, kein selbstbestimmter Speiseplan und viele gerettete Lebensmittel, das war der Plan für meine ONE WEEK – Challenge zum Thema Foodsharing. Die Hamburger Tafel war mir natürlich schon lange ein Begriff und ich wusste auch, dass sie Lebensmittel retten, um sie an Bedürftige gegen einen symbolischen Betrag von 1– 2 € zu verteilen. Die perfekte Organisation, um meine Challenge thematisch zu ergänzen. Durch ihre Arbeit reduziert sich ganz nebenbei der anfallende Müll zugunsten der Umwelt, und wertvolle Ressourcen werden geschont. Seit September 2017 wurden allein in Hamburg 2500 Tonnen Lebensmittel gerettet und verteilt.
Ich durfte dann also an einem Nachmittag eine Tour durch den Hamburger Osten begleiten und traf dabei auf Jürgen und Gregor. Die beiden freiwilligen Helfer sind schon alte Hasen bei der Tafel in Hamburg und haben mir viel über ihre Arbeit und die Anlaufstellen, an denen wir die Lebensmittel dann wieder verteilt haben, erzählt.
Unser Lieferwagen war rappelvoll bis unter die Decke geladen, die Frühschicht hatte schon ihre Touren gedreht und Lebensmittel bei Produzenten, Supermärkten, Restaurants und Wochenmärkten eingesammelt. Frischer Salat, Joghurt, Milch, große Säcke Kartoffeln, Brot, Gemüse und auch Süßigkeiten brachten eine Last von drei Tonnen auf unsere Ladefläche. Die Stimmung in der Fahrerkabine war herzlich und vertraut, die beiden Freiwilligen kennen sich schon seit vielen Jahren und machten mir den Einstieg in meinen Schnuppertag sehr leicht.

Die Jenfelder Kaffekanne – Ein Ort der Begegnung
Der erste Halt auf unserer Tour war die Jenfelder Kaffeekanne, eine Jugend- sowie Familienhilfeeinrichtung und vor allem ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche einen sicheren Raum finden können. Vor Ort wurden wir sehr nett Willkommen geheißen und mehrere Frauen standen parat um die Kisten mit Lebensmitteln entgegenzunehmen. Damit werden nicht nur die Kids in dieser Begegnungsstätte verpflegt, auch junge Familien bekommen hier Unterstützung und werden mit extra für sie zusammen gestellten Kisten versorgt. Die Kaffeekanne ist eine Beratungs- und Anlaufstelle, es gibt unter anderem ein Mütterfrühstück, einen Leseclub, Elternberatung und auch Lernhilfe für Eltern. Es ist außerdem ein Ort der Integration.
Nachdem wir also Kiste um Kiste abgeladen hatten, waren viele der Lebensmittel schon wieder durch Helferinnen der Kaffeekanne auf andere Kisten verteilt, die dann ihren weiteren Weg finden. Wir dagegen, wurden unglaublich freundlich zu Kaffee und Kuchen eingeladen, eine ziemlich leckere Art und Weise die Dankbarkeit gegenüber der Tafel auszudrücken! Mir kam das bei meiner freiwilligen Foodsharing-Diät auch sehr entgegen!

Nach jedem Stop wurde ein kurzes Protokoll geschrieben und die Annahme der Lebensmittel quittiert und dann ging es auch schon weiter. Die Kaffeekanne in Jenfeld ist exemplarisch für viele nette Begegnungen, die ich an diesem Tag machen durfte. Jeder Stop war für mich ein Highlight, ich war gespannt wie ein Flitzebogen, wer uns diesmal begrüßt und konnte kaum erwarten wieder nach meinen Handschuhen zu greifen um die nächsten Kisten mit geretteter Nahrung zu entladen.
Wie funktioniert die Hamburger Tafel e.V.?

Nach unserer Tour habe ich mit meinen beiden Begleitern die leeren Kisten sortiert und für den nächsten Tag bereitgestellt. Ein schönes Gefühl zu wissen, dass dank der Tafel nicht nur Essen gerettet wird, sondern auch täglich Menschen erreicht werden, die dringend Unterstützung brauchen.
Abschließend durfte ich den Geschäftsführer Christian Tack interviewen und mit ihm einen Rundgang durch die Räume, Lager und Kühlhäuser machen. Die Tafel ist wirklich eine sorgsam durchgeplante Organisation mit einer durchdachten Logistik und Menschen, die ihre Freiwilligenarbeit sehr ernst nehmen. Die Touren werden noch analog geplant und die Routen führen durch viele der Hamburger Stadtteile, dieses Tourensystem wurde im Flur der Hauptstelle in Hamburg eindrucksvoll mit Stecknadeln auf Stadtplänen markiert. Jeden Tag benötigt die Hamburger Tafel 24 Personen für zwei Schichten, also ca. 50 Personen pro Tag und das jeden Arbeitstag der Woche. Das sind 250 Personen pro Woche! Hier werden also immer helfende Hände gebraucht.
Lebensmittelretter und innovativer Wegweiser
Christian Tack erzählte mir, dass nicht nur das Retten und Verteilen der Lebensmittel zu den Hauptaufgaben der Hamburger Tafel gehört, sie verstehen sich auch als ehrenamtlicher Logistikdienstleister und als Food Bank. Das heißt, der Standort Hamburg ist Zwischenlager und koordiniert auch die Weitergabe und Zusammenarbeit mit anderen Tafeln und Organisationen. Sie bemühen sich um Kontakte und Sichtbarkeit bei Wirtschaft und Industrie, damit auch dort die verzehrfähige Nahrung vor der Entsorgung gerettet werden kann. An der einen oder anderen Stelle sind hier aber noch Gesetzte zu überwinden. Es ist beispielsweise aufgrund der Einfuhrgesetze nicht immer erlaubt, Lebensmittel von Kreuzfahrtschiffen weiter zu verwerten. Das bedeutet, oft werden also nach dem Cruise tonnenweise Nahrung vernichtet, dagegen kämpft Christian Tack mit der Hamburger Tafel.
Für mich der Moment, als mir dann schlussendlich das ganze Ausmaß der Verschwendung bewusst wurde.
Die Lager waren, so weit das Auge reichte, bis zum Hallendach mit hohen Regalen ausgestattet. Für mich der Moment, als mir dann schlussendlich das ganze Ausmaß der Verschwendung bewusst wurde. Europalette über Europalette stapelten sich dort die Industriewaren. Hunderte Gläser Marmelade, die farblich nur minimal abweicht und deswegen entsorgt werden sollte, Zuckerpackungen, die falsch abgefüllt wurden und statt 1.000g nur 950g enthielten sowie massig Konservendosen, die manchmal nur wegen einer kleinen Beule aussortiert wurden. Dazu gehören auch Lagerbestände mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum, Saisonartikel und Überproduktionen. Ganz, ganz furchtbar, wenn man sich überlegt, dass das Essen jetzt schon nicht mehr existieren würde, wenn die Hamburger Tafel nicht mit viel Herzblut und Einsatz eingegriffen hätte.
Miete, Transport- und Verwaltungskosten der Tafeln werden über private und privatwirtschaftliche Spender und Sponsoren gedeckt. So schaffen die Tafeln eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel – zu Gunsten aller Beteiligten.

Daten und Fakten zur Hamburger Tafel:
- Gegründet von Annemarie Dose am 07. November 1994
- über 27 Ausgabestellen für Lebensmittel – von Kooperationspartnern betrieben
- ca. 70 weitere Einrichtungen erhalten von der Tafel regelmäßig Nahrungsmittel
- über 200 Betriebe werden insgesamt über 500 mal angefahren
- 13 Sprinter – Lieferwagen mit Kühleinrichtung
- wöchentliche km-Leistung aller Autos: 4.000 km
- etliche Ausgabestellen und soziale Einrichtungen holen wöchentlich zusätzlich
Ware mit eigenen Fahrzeugen im Lager ab, ebenfalls mehr als 30 „Nachbartafeln“ - allein die Ausgabestellen unterstützen pro Woche bis zu 20.000 Bedürftige, mit über 40 t
Lebensmittelspenden pro Woche - bei der Tafel sind über100 ehrenamtliche Frauen und Männer tätig
- die Hamburger Tafel verfügt über ein Hochregallager von 800 qm, inkl. Kühl- und Tiefkühleinrichtungen
Herzlichen Dank an Christian Tack für den umfangreichen Einblick in die Arbeit der Hamburger Tafel und besten Dank an Jürgen und Gregor für die Tour und die netten Gespräche.