„Es geht hier um Glück, um innere Erfüllung;
darum tiefer zu fühlen, mutig zu sein, unser Potential zu entfalten.“

Dr. Boris Bornemann
ONE WEEK – Challenge | Meditation | Das Interview
Bei meinen ersten Meditationsübungen mit der App Balloon ist mir sofort seine entspannte, beruhigende Stimme aufgefallen. Boris ist Diplom-Psychologe aus Berlin, einer der Macher dieser App und ein Experte in Sachen Achtsamkeit, Meditation und Körpergewahrsein. Er gibt öffentliche Meditationskurse und berät auch Einzelpersonen und Unternehmen. www.borisbornemann.de
Ich freue mich riesig, dass ich ihn für dieses Interview gewinnen konnte und hoffe, du fühlst dich von seinen Antworten genauso angesprochen wie ich.
Danke, Boris!
Bei dieser ONE WEEK – Challenge geht es darum, eine Meditationsroutine zu entwickeln. Können überhaupt alle Menschen meditieren?
Boris: Auf jeden Fall. Alle Menschen können das – und wir alle machen das auch auf die eine oder andere Art. Da gibt es zum Beispiel Momente, in denen wir irgendwo in der Natur sitzen. Wir sind ganz ruhig und aufmerksam, lassen uns von Augenblick zu Augenblick tragen. Wir spüren unseren Körper, nehmen unsere Gefühle war, hören dabei vielleicht den Vögeln oder dem Rauschen des Meeres zu. Aber bewusst zu meditieren ist natürlich noch ein bisschen anders. Da nehmen wir uns bewusst die Zeit dafür, nach Innen zu gehen. Wir können bestimmte Techniken nutzen, um noch tiefer und klarer wahrzunehmen, was in uns vor sich geht. Oder uns in bestimmter Weise innerlich auszurichten. Es ist sozusagen ein geplanter Tauchgang in unsere Innenwelt. Das Gute ist: Wenn wir das regelmäßig machen, begleitet uns diese Tiefe und Klarheit auch im Alltag.
Wie lange ist Meditation schon Teil deines Lebens?
Boris: Seit ungefähr elf Jahren meditiere ich täglich. Dem gingen lange Beschäftigungen mit verwandten Themen wie Glückforschung, Emotionspsychologie aber auch philosophischer Ethik voraus. Seit ungefähr 10 Jahren beschäftige ich mich auch wissenschaftlich mit dem Thema.
Hast du eine tägliche Meditationsroutine und wie sieht die aus?
Boris: In vielen buddhistischen Traditionen ist diese Frage tabu, weil wir schnell anfangen uns miteinander zu vergleichen. Das ist kontraproduktiv, weil wir alle unterschiedlich sind. Entsprechend brauchen wir auch alle unterschiedliche Arten von Meditation – und gehen das Meditieren auf unterschiedliche Weise an. Auch in meinem Leben hat sich das über die Jahre sehr verändert. Was seit einigen Jahren gleich geblieben ist, ist dass ich mir morgens und nachmittags jeweils eine halbe Stunde Zeit nehme. Vor der morgendlichen Meditation mache ich zudem etwas Yoga. Das hilft, Körper und Geist zu beleben. Mein Fokus liegt auf Praktiken, mit denen Gefühle vertieft werden, und Klarheit über das innere Geschehen entsteht. Ich habe einen sehr wissenschaftlichen Zugang, d.h. mich interessiert vor allem auch: Wie funktioniert das hier alles? Wie kommen bestimmte Gefühle zustande? Wie entstehen Glück, innere Ruhe, tiefe Zufriedenheit? Dahinter steht natürlich die Frage: Was ist ein erfülltes Leben? Das alles zu verstehen ist mir äußerst wichtig. Dabei geht es natürlich nicht um ein Verstehen, wie ich es auch aus einem Buch erlangen kann. Es geht um ein verkörpertes, gefühltes Verständnis der inneren Dynamik. Die kann jeder nur ganz persönlich, nur in sich selber ergründen.
Was sind die körperlichen und mentalen Vorteile bei einer regelmäßigen Meditationspraxis?
Boris: Es gibt mittlerweile tausende Studien, die Wirkungen von regelmäßiger Meditation auf sehr verschiedenen Ebenen zeigen. Stress geht zurück, sowohl subjektiv, als auch objektiv-messbar – z.B. als Reduktion der Produktion des Stresshormons Kortisol. Die allgemeine Lebenszufriedenheit steigt. In meiner Doktorarbeit konnte ich unter anderem zeigen, dass Menschen lernen, ihren eigenen Körper besser zu spüren und auch ihre Gefühle klarer wahrnehmen. Es gibt auch Effekte auf die Aufmerksamkeit und eine Verbesserung der Schlafqualität. Auch eine Verlangsamung der Zellalterung und verbesserte Funktionen des Immunsystems wurden beobachtet. Die größten Effekte zeigen sich allerdings häufig in einem Bereich, in dem wir es nicht sofort erwarten würden: In der Qualität unserer Beziehungen. Dadurch, dass wir uns selber besser verstehen und spüren, können wir uns auch anderen feinfühliger zuwenden.
Hast du einen Tipp, wie man am Besten mit der Meditation starten kann und welche Meditationstechnik würdest du für den Anfang empfehlen?
Boris: Regelmäßigkeit ist der Schlüssel, um Fortschritte zu erzielen, und tiefer mit uns selbst vertraut zu werden. Am besten wir nehmen uns jeden Tag etwas Zeit dafür. Für den Anfang sind zehn Minuten ausreichend. Es ist gut, mit Techniken zu beginnen, bei denen du auf den Körper fokussierst. Denn der hilft dir immer wieder ins Hier uns Jetzt zu kommen, was für die Meditation zentral ist. Du kannst zum Beispiel langsam mit geschlossenen Augen durch den Körper wandern und wahrnehmen was du spürst: An Kopf und Hals, Armen und Händen, Brust, Rücken, Bauch, Unterleib und Beinen. Dann richte die Aufmerksamkeit auf den Atem. Folge den Empfindungen des Atmens. Wichtig ist: Gedanken sind dabei nicht deine Feinde. Du rückst immer wieder den Körper in den Mittelpunkt, aber bleibst offen und liebevoll für alles was geschieht.
Muss man für die Meditation im Schneidersitz sitzen?
Boris: Die Körperhaltung ist erstmal zweitranging. Schneidersitz oder Lotussitz müssen definitiv nicht sein. Wir können im Liegen, Sitzen oder auch im Stehen meditieren. Sogar auch in Bewegung.
Für die meisten Menschen ist es gut, in einer aufrechten und entspannten Sitzhaltung zu meditieren. So können wir zugleich wach und entspannt sein.
Eine weitläufige Annahme ist ja, dass man nur richtig meditiert, wenn man es schafft an gar nichts zu denken. Ist das richtig?
Boris: Das ist in der Tat ein häufiges Missverständnis. Wir üben in der Meditation, bewusst zu sein. Ausgangspunkt ist das Hier und Jetzt. Dazu helfen der Atem und der Körper. Aber natürlich geschehen auch Gedanken im Hier und Jetzt. Wir fühlen, wir nehmen Geräusche wahr, wir schmecken, sehen, riechen. All das können Objekte der Meditation sein. Es ist zu Anfang günstig, einfache Objekte, wie den Atem und den Körper zu wählen. Sie bringen uns zuverlässig ins Hier und Jetzt. Aber wenn du dabei ganz viele Gedanken hast, ist das kein Problem. Du kannst dann einfach innerlich notieren: Denken geschieht. Das ist das, was geschieht, genau JETZT, während du auf deinen Atem fokussierst. Das gibt dir Einblick in deine innere Dynamik. Und wenn du dann nichts mit den Gedanken machst, und du die Aufmerksamkeit immer wieder zum Körper zurücklenkst, dann wird der Geist meist von selbst ruhiger. Oft werden die Gedanken weniger. Vielleicht aber auch nicht. Aber dadurch, dass du sie immer wieder bemerkst und sie in den Hintergrund treten lässt, verlieren sie allmählich ihre Macht über dich. Du kannst innerlich ruhig und klar sein – sogar wenn viele Gedanken da sind.
Das Thema Meditation kommt heute in einem zeitgemäßen und modernen Gewandt daher, Räucherstäbchen und Hippie-Tum sind in den Hintergrund gerückt. Was bedeutet für dich moderne Meditation?
Boris: Moderne Meditation bedeutet für mich, sich aller verfügbaren Mittel zu bedienen, um diese interessanteste und lohnendste aller Reise anzutreten: Die Reise in unsere Innenwelt. Es bedeutet, sich nicht von Klischees abschrecken zu lassen. Es geht hier um Glück, um innere Erfüllung; darum tiefer zu fühlen, mutig zu sein, unser Potential zu entfalten. Darum einen Gegenpol zu setzen zu der Veräußerlichung des Daseins. Es gibt tausend Ablenkungen, tausend Menschen, die etwas von uns wollen, tausend Werbebotschaften, die uns suggerieren was wir wollen und brauchen. Und natürlich die sozialen Normen, die uns sagen, wie wir zu leben haben. All dem brauchen wir nicht zu entsagen. Es geht nicht um einen totalen Rückzug aus der Gesellschaft und dieser wunderbaren bunten Welt. Es geht darum, uns darin nicht zu verlieren, zu zerfasern und ein oberflächliches, fremdbestimmtes Leben zu führen, an dessen Ende wir uns fragen: War’s das? Habe ich wirklich das gelebt, wonach mein Herz sich gesehnt hat? Es geht darum, hier und jetzt anzufangen und wirklich hinzuspüren. Nach innen zu gehen, unseren Gefühlen Raum zu geben. Unsere Bedürfnisse zu erspüren. Es geht darum, die eigene Autorität zu erkennen und das eigene Erleben wirklich ernst zu nehmen. Unser Leben liebevoll und selbstbestimmt gestalten zu können.
Es gibt heutzutage viele Wege, in diese Reise zu starten. Ein Weg, der für die meisten Menschen leicht zugänglich ist, geht über eine Meditations-App. Dabei kann es hilfreich sein, sich erstmal auf eine gut gemachte App zu fokussieren, die einen systematischen und möglichst auch wissenschaftlich fundierten Zugang bietet. So kann ich mich Stück für Stück in die verschiedenen Arten der Meditation einführen lassen. Wenn ich tiefer einsteigen möchte, kann ich auch nach einem Kurs suchen. Das wissenschaftlich am besten untersuchte Programm ist Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR). Das sind 8-Wochen-Kurse, die in allen größeren Städten angeboten werden.
Was ist Spiritualität für dich und geht Meditation auch ohne Spiritualität?
Boris: Spiritualität bedeutet für mich einfach, sich dem eigenen Erleben zuzuwenden. Das heißt: Es geht um das SEIN, nicht um das HABEN. In diesem Sinne geht Meditation natürlich nicht ohne Spiritualität. Denn es ist sozusagen ein und das selbe: Wir nehmen unsere eigene Subjektivität ernst. Dabei entdecken wir vielleicht Gefühle und auch Aspekte der Realität, die uns vorher verborgen geblieben sind. Wir können Erfahrungen davon machen, dass wir mit allem eins sind – was wir ja ganz objektiv sind. Das kann sehr erhebend und ehrfurchtseinflößend sein. Zugleich können wir auch die Erfahrung machen, wie wir in einem sehr tiefen und grundsätzlichen Sinne der Schöpfer oder die Schöpferin unseres eigenen Erlebens sind. Auch das kann uns bis ins Mark erschüttern, sich zutiefst ermächtigend anfühlen und sogar ekstatische Zustände auslösen. Aber was wir da erleben, und wie wir es erleben, und ob wir uns überhaupt darauf einlassen wollen – das ist höchst individuell. Jede*r macht da ganz eigene Erfahrungen. Es ist jedenfalls nicht nötig an Engel, Gott, Chakren, oder irgendetwas anderes zu glauben. Im Gegenteil: Es ist hilfreich, unseren Glauben immer wieder zu hinterfragen, immer wieder in eine Haltung des Nicht-Wissens zu kommen. In dieser Haltung werden wir am intimsten mit unserer tatsächlichen, eigenen Erfahrung. In dieser Weise neugierig und unvoreingenommen auf unser Erleben zuzugehen – das ist Meditation.